Kei Ishiyama und Misaho Kujiradou im Interview

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Ein Interview mit den Schwestern Kei Ishiyama (Grimms Manga) und Misaho Kujiradou (Princess Ai) anlässlich ihres Besuches auf der AnimagiC 2009.



Ist es nicht selbst für eine japanische Familie ungewöhnlich, dass sich gleich mehrere Familienmitglieder diesem Beruf verschreiben? Oder gibt es noch weitere Geschwister, die einen anderen Beruf ausüben?
Kujiradou: Wir sind zu zweit und haben keine weiteren Geschwister. Ich glaube nicht, dass es so ungewöhnlich ist, dass Geschwister als Mangaka arbeiten.
Ishiyama: Das kommt zwar nicht so häufig vor, aber es gibt solche Fälle durchaus.

Haben Ihre Eltern Sie in Ihrem Wunsch, Mangaka zu werden, in besonderem Maße unterstützt? Oder standen sie diesem Berufswunsch zunächst kritisch gegenüber?
Kujiradou: Wenn überhaupt, dann war unsere Mutter dagegen. Unser Vater hingegen hat sich vornehm zurückgehalten.
Ishiyama: Unsere Mutter war die ganze Zeit über dagegen, stimmt’s?! Sie hat immer behauptet, als Mangaka stünden die Heiratschancen schlechter. Manga zählen in Japan zur Kulturbranche, weshalb Mangaka gesellschaftlich eher nicht so angesehen sind. Und weil diese Arbeit auch dem Kinderkriegen im Weg steht, ist unsere Mutter auch jetzt noch dagegen. Mit dem Älterwerden haben wir begriffen, dass ihre ablehnende Haltung aus der Liebe zu uns resultiert, weshalb ich das jetzt nicht mehr als so schlimm empfinde. Unser Vater hingegen hat als kleiner Junge selbst davon geträumt, Mangaka zu werden, weshalb er uns in unserem Wunsch unterstützt hat. Als ich bemerkt habe, dass mein Vater das Zeichnen ebenso liebt wie ich, war ich überrascht. (*lacht*)
Das sind wohl die Gene. Seit ich als Erwachsene begriffen habe, dass mein Vater seinen Traum, Mangaka zu werden, für seine Familie aufgegeben hat, denke ich immer daran, nicht auf halber Strecke damit aufzuhören.

Kujiradou-sensei, Sie sind ja die Ältere von beiden. Haben Sie auch zuerst zu Feder und Stift gegriffen?
Kujiradou: Ich bin zwar die Ältere von uns beiden, dennoch haben wir gleichzeitig mit dem Zeichnen begonnen.
Ishiyama: Wir haben zwar zur gleichen Zeit angefangen (die ausführliche Antwort dazu folgt in der nächsten Frage), doch ich begann mich plötzlich mehr für Sport zu interessieren, während meine Schwester unverdrossen weitergezeichnet hat und als Erste ihr Debüt gegeben hat.

Wie genau sind Sie zum Zeichnen gekommen?
Ishiyama: Als meine Schwester zwölf und ich neun Jahre war, hab ich zu ihr gesagt: »Komm, lass uns Mangaka werden!« (*lacht*)
Und weil auch meine Schwester gerne gezeichnet hat, hat sie zugestimmt. Ich hab nicht nur darüber nachgedacht, warum ich Mangaka werden wollte, sondern auch darüber, was man tun muss, um gut zeichnen zu können. Mir kam der Gedanke, dass wenn man wie die Profis in einem Magazin abgedruckt wird, man automatisch auch gut zeichnen können muss. Und dass man, wenn man nicht gut zeichnet, auch kein professioneller Mangaka wird. Eigentlich logisch, aber ich war halt noch ein Kind. Darüber hinaus war meine Schwester viel talentierter als ich, wofür ich sie immer bewundert habe. Doch weil ich in dieser Phase nach meinem ganz eigenen Zeichenstil gesucht habe, habe ich mich nicht an den Illustrationen meiner Schwester orientiert. Ich habe also das Zeichnen geübt, indem ich mich nicht an Manga orientiert habe, sondern an Fotos und an den Gesichtern und Bewegungen lebender Wesen. Daraus resultiert mein heutiger Zeichenstil. Ich zeichne Manga so, dass man sie wie einen Film sehen und lesen kann.

Haben Sie sich während Ihrer Entwicklungsphase gegenseitig beeinflusst? Zum Beispiel hinsichtlich des Storytellings, Ihres Zeichenstils bzw. Ihrer Arbeitsweise?
Kujiradou: Wir haben uns gegenseitig angespornt, nicht wahr?
Ishiyama: Weil wir beide unbedingt Mangaka werden wollten, haben wir unsere Materialien gemeinsam benutzt (wir haben auch im selben Laden eingekauft, nicht wahr?!). Auch beim Erstellen der Scribbles brauchten wir in etwa gleich lang. Wir haben uns gemeinsam über die Entwürfe gebeugt, die wir für die Magazine angefertigt haben, und uns darüber ausgetauscht, richtig? Außerdem haben wir uns gegenseitig unsere Manga gezeigt, die wir in unsere Skizzenbücher gezeichnet hatten. Heute benutzen wir allerdings ganz unterschiedliche Werkzeuge, und auch unsere Arbeitsweisen unterscheiden sich. Normalerweise tauschen wir uns aber darüber aus, welche Werkzeuge einfach in der Handhabung sind, und wir benutzen die Tusche und das Manuskriptpapier vom selben Hersteller.

Gab es in der Vergangenheit vielleicht Momente, in denen es zu Problemen zwischen Ihnen beiden kam, weil Sie beide dasselbe tun? Oder unterstützen Sie sich gegenseitig bedingungslos?
Kujiradou: Seit wir beide als professionelle Mangaka arbeiten, haben wir uns nicht mehr gestritten.
Ishiyama: Wir verstehen uns gegenseitig, und weil professionelle Mangaka unterschiedliche Methoden anwenden, reden wir uns nicht gegenseitig rein, sondern tauschen vielmehr unsere Eindrücke und Erfahrungen aus.
Kujiradou: Doch als ich als Erste mein Debüt gab, war die Luft zwischen uns am Knistern, stimmt’s?!
Ishiyama: Weil ich eine schlechte Verliererin bin. Vor lauter Ärger habe ich tagelang nicht mit dir gesprochen. Das war aber bloß so nach deinem Debüt. Danach bin ich endlich erwachsen geworden!!
Kujiradou: Ja genau, weil auch ich erwachsen geworden bin!
Ishiyama: Hä? Aber damals war doch bloß ich so wütend?!
Kujiradou: Ja …
Ishiyama: Mmh …
Kujiradou: Ich war damals nicht sauer auf dich, weil du damals so wütend warst. Ich hatte das alles bis jetzt total vergessen.
Ishiyama: Das liegt wohl daran, dass du Blutgruppe B hast.
Kujiradou: Das glaube ich auch.
Ishiyama: Ich hab die Blutgruppe AB und zeige daher immer direkt meine Gefühle. Ich werde das nie vergessen!

Kujiradou-sensei, im Juli ist in Deutschland Band 1 von Princess Ai – The Prism of Midnight Dawn erschienen. Können Sie uns ein bisschen mehr darüber erzählen?
Kujiradou: Princess Ai – The Prism of Midnigth Dawn spielt eineinhalb Jahre nach der ersten Trilogie Princess Ai.
Die Geschichte beginnt in Ai-Land, wo Menschen und Dougen friedlich zusammenleben und wo sich auch Princess Ai und Nora aufhalten. Doch der Frieden trügt. Tief in ihrem Herzen denkt Ai immer noch an Kent, der weit weg auf der Erde lebt. Sie zieht sich nach und nach immer mehr von ihrem Halbbruder Nora zurück, der sich nach Kräften bemüht, Ai zu unterstützen und zu beschützen. Um Ai ein wenig aufzuheitern, setzt Nora das Prism of Midnight Dawn ein, um die Übertragung eines Konzerts sowohl auf der Erde als auch in Ai-Land möglich zu machen, doch das Prisma wird gestohlen. Ai begibt sich auf die Suche nach diesem Prisma und begegnet dabei Kent auf der Erde wieder …
Darum geht es in etwa in der Story, lest bitte auf jeden Fall mal rein!

Ishiyama-sensei, Sie sind ja erst kürzlich von Japan in die USA gezogen. Wie gefällt es Ihnen in Ihrer neuen Heimat? Inspiriert Sie Ihre neue Umgebung hinsichtlich Ihrer Arbeit?
Ishiyama: Ich war ganz schön im Stress, weil ich zuerst von Deutschland nach Japan zurückgekehrt bin, um dann gleich wieder in die USA zu ziehen. So kam es, dass sich, als ich die Bonusillustrationen für die Hardcover-Ausgabe von Grimms Manga Band 2 anfertigen sollte, mein ganzes Equipment noch auf dem Seeweg befand. Was tun? Ich bin in den nächstgelegenen Supermarkt gegangen und habe mir dort Papier, Bleistift und Farbe gekauft und damit die Farbillustrationen angefertigt. (*lächelt gequält*)
Mein Eindruck von Amerika … Es ist auf jeden Fall riesig. (*lacht*)
Ich fühle mich dort eigentlich nicht so fremd. Das liegt wohl daran, dass ich von Deutschland, wo es so viel Natur gibt, aufs Land gezogen bin, wo es nur noch Natur gibt.
Aus der Sicht einer Japanerin sind die Deutschen schon ziemlich locker drauf, aber die Amerikaner sind das noch viel mehr (das trifft allerdings nicht auf die Großstädte zu). Im Vergleich zu Deutschland spielt der Individualismus in den USA eine noch größere Rolle, d.h. wenn man nicht selbst handelt, wird auch nichts passieren. In diesem Sinne glauben die Amerikaner, dass, wenn man mal nichts tut und einfach die Seele baumeln lässt, das gleich heißt, dass man den Sinn des Lebens verliert.
Ich hab sehr gerne in Deutschland gelebt, und auch in den USA möchte ich viele verschiedene Dinge erleben. Ich werde auf jeden Fall fleißig Deutsch und Englisch lernen.

Kujiradou-sensei, Sie arbeiten mit TOKYOPOP US zusammen, leben aber in Japan. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit über eine so große Entfernung?
Kujiradou: Die japanische Übersetzung dieser Frage klingt ja süß. (*lacht*)
Die USA sind zwar weit weg, doch über die Arbeit tausche ich mich mit den in Japan lebenden Angestellten direkt aus. Sie funktionieren als Brücke zwischen den USA und mir, weil ich kein Englisch kann. Dies ist eine zuverlässige Methode auch hinsichtlich des Entscheidungsprozesses.

Bislang haben Sie noch nie gemeinsam an einem Projekt gearbeitet. Würden Sie sich wünschen, einmal an einem Projekt gemeinsam zu arbeiten? Gibt es eventuell bereits konkrete Pläne für eine Zusammenarbeit?
Kujiradou: Bislang haben wir noch nie an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet, doch wir bereiten derzeit etwas vor. Freut euch also schon darauf!
Ishiyama: Zurzeit arbeiten wir ja beide an unterschiedlichen Projekten, die wir jetzt erst mal beenden werden. Doch danach wollen wir gerne ein gemeinsames Projekt mit TOKYOPOP Deutschland umsetzen. Die Details stehen noch nicht fest, doch im Mittelpunkt sollen zwei Protagonisten stehen, die sehr unterschiedliche Charaktere haben, aber in ein und derselben Welt leben. Ich glaube, diese Story macht es möglich, dass die Fans, seien sie nun Fan von Princess Ai oder von Grimms Manga, beide Figuren lieben werden. Wenn sich dies erfüllen sollte, wäre ich echt superfroh.

Die AnimagiC ist ja nun gerade vorbei, wie ist Ihr beider Eindruck davon?
Kujiradou: Es ist der Wahnsinn, wie viel Mühe sich die Cosplayer geben. Es hat total viel Spaß gemacht, diese schönen Kostüme zu sehen. Und die Fans waren total ehrlich und nett.
Ishiyama: Weil die AnimagiC ein Event ist, wo nur Manga- und Animefans zusammenkommen, hatten einfach alle total viel Spaß, weshalb die Stimmung so toll war. Weil in Deutschland Fans und Autoren so direkt aufeinandertreffen, erfährt man als Autor unverblümt, was die Fans vom eigenen Werk halten, was mich sehr glücklich macht.
Ich möchte allen Fans, die gekommen sind, den Mitarbeitern der AnimaniA sowie den Leuten von TOKYOPOP danken. Ich hoffe, dass im nächsten Jahr die Altersspanne der Teilnehmer auf der AnimagiC noch breiter sein wird.